Tontöpfe

Bunte Tontöpfe auf Vogelsang – Ein Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft

Heute durfte ich mir die Landeseinrichtung für Flüchtlinge in Vogelsang/Schleiden anschauen. Ein Termin der mich nachhaltig beeindruckt hat.

Als im Jahr 2015 bekannt wurde, die Landesregierung plane eine weitere Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände Vogelsang, waren die Bedenken zunächst groß. Die Baracken, die die Belgier in den 50er/60er Jahren dort als weitere Unterkunftsräume für sich errichteten, sollten dafür genutzt werden. Zum einen stellte sich nun aber die Frage, ob man Schutzsuchenden auf dem geschichtsträchtigen und naturgemäß negativ behafteten Grund unterbringen könne, zum anderen wurde auch die Tatsache, dass das Gelände sehr weit abgelegen ist, als bedenkenswert angeführt. Könnte man die Flüchtlinge soweit abseits ausreichend schützen? Führt das nicht zu sehr in Isolation, wo doch Integration das große Stichwort ist? (siehe auch)

Allen Bedenken zum Trotz, wurde dann aber der Plan doch umgesetzt und nach einigen Renovierungsarbeiten konnten nun in 2017 die ersten Flüchtlinge empfangen werden. Betrieben wird die Unterkunft von Beginn an vom Deutschen Roten Kreuz, welches auf dem Vogelsang Gelände auch ein Museum unterhält.

Eine so große Anlage. Da stellten sich mir einige Fragen. Antworten darauf sollte mir ein Besuch in eben dieser Einrichtung geben. Also Termin gemacht und hingefahren.

Bevor man zu der Einrichtung kommt, muss man erst einmal die Schranke passieren um dann nach kurzer Strecke vor einem Tor Halt zu machen. Sicherheitsleute kontrollieren jeden der eintreten möchte. Freundlich werde ich begrüßt und nach den Formalia darf ich den Grundstücksteil betreten.

Baracken auf Vogelsang Bereich Schelde

Ruhig ist es. Die Baracken verströmen den typischen Militärcharakter. Irgendwie abschreckend. Ich werde in die nächstgelegene Baracke geführt. Kaffeeduft strömt mir entgegen, das wiederrum wirkt irgendwie entspannend. Der Leiter der Einrichtung, Ralf Hergarten, empfängt mich freundlich und beantwortet im Laufe der nächsten beiden Stunden geduldig meine vielen Fragen.

Die auf maximal 950 Menschen ausgelegte Unterkunft befindet sich derzeit immer noch im Umbau, so erzählt Hergarten. Es soll noch ein Männer und Frauencafe eingerichtet werden. Eine Baracke soll so renoviert werden, dass Sport-Möglichkeiten dort angeboten werden können. „Jene Baracke, die direkt neben dem Platz liegt, wo man auch Fussball spielen kann“ erklärt er und zeigt auf den Plan der alle Häuser zeigt.

„Im Moment sind bei weitem nicht alle möglichen Plätze belegt“, fährt er fort und weist darauf hin, dass er versucht hat zu entzerren: Familien getrennt von alleinstehenden jungen Männern. Eine Baracke sei nur für besonders schutzwürdige wie Schwangere oder homosexuelle Menschen. Ein Gebäude nur für Frauen. Ein weiteres ist als Isolierstation bevorratet. „Und dies hier ist eine Baracke für die Kinder“ und irgendwas, was ich noch nicht zuordnen kann, schwingt in seiner Stimme mit. Wie viele Kinder denn im Moment vor Ort sind, möchte ich wissen und erfahre, dass es so um die 30 Kinder sind im Alter von 0-18, alles dabei. Wie das wohl ist, wenn man bei einer Aufenthaltsdauer von derzeit ca. 6-8 Wochen hier leben muss, frage ich mich. In der Landeseinrichtung gibt es noch keine Schulpflicht für die Kinder. Diese erfolgt erst, wenn die Menschen von dort in die Kommunen verteilt werden.

Wir beginnen unseren Rundgang. Bewohnte Baracken darf ich natürlich nicht besichtigen, aber in die leere Quarantänebaracke kann ich rein. Es nieselt als wir über das Grundstück gehen und mir ist kalt. Das bleibt auch so, als ich das Gebäude betrete. Es ist kühl, in den kleinen Räumen stehen jeweils 2 Doppelstockbetten. Sonst nichts. In einem weiteren Raum befinden sich schmale Schränke, in denen die Flüchtlinge ihr weniges Hab und Gut unterbringen könnten.

Dünne Trennwände versuchen optisch Privatsphäre zu geben. Leiter Ralf Hergarten erzählt, dass zunächst nur Vorhänge die Räume vom Flur trennten.  Unvorstellbar für mich. Auch jetzt mit den installierten Türen, lässt ein Blick auf den offenen Bereich oberhalb der improvisierten Raumwände wohl nur erahnen wie wenig „privates“ hier gegeben ist. Aber es ist trocken. Ein Dach über dem Kopf.  Wir verlassen die Baracke und gehen zu den Containern.

Waschbereich

Hier befinden sich die Sanitärbereiche. Getrennt nach Frauen und Männern. Sauber gehalten wird alles von einer Reinigungsfirma. Ralf Hergarten spricht von den Flüchtlingen durchgehend von „unseren Gästen“ und weist darauf hin, dass sie durchaus auch selber sauber machen. Ein Blick in einen den Hygienecontainer zeigt: da kann man sich gut drin aufhalten. Es riecht frisch und der Boden glänzt und scheint vor kurzem erst gewischt worden zu sein. „Wenn es nicht grade regnet so wie jetzt, dann kann man ständig irgendwo Gäste mit der Müllzange auf dem Grundstück sehen. Oder wenn Schränke oder ähnliches ankommen, laufen direkt Männer herbei die anpacken und wenn unser Hausmeister zwei Leute brauchen würde um grade mal was zu befestigen, dann wette ich, würden gleich zehn da stehen, die mithelfen wollen.“ Man hört einen gewissen Stolz auf „seine Gäste“ in der Stimme mitschwingen.

Regeln

Ob denn nicht auch mal Ärger angesagt sei, möchte ich wissen. „Ja doch schon. Aber wenn die Gäste ankommen, dann stelle ich auch direkt klar, was die Regeln sind. Regeln des Miteinanders. Gegenseitiger Respekt und auch, dass unsere Anordnungen, egal ob von Männer oder Frauen Folge zu leisten sind.“ Hergarten erzählt, dass quasi als `vorbeugende Maßnahme` direkt bei Aufnahme das Gepäck der Flüchtlinge auf mögliche Waffen und Drogen durchsucht werden. Ebenfalls kontrolliert werden auch jene, die das Camp tagsüber verlassen haben und abends entsprechend der Hausordnung zurückkehren müssen. „Alkohol darf auf dem gesamten Gelände nicht konsumiert werden“, betont er.

Kleiderkammer

Wir gehen weiter zum Lager für Hygieneartikel, Windeln und der Kleiderkammer. „Jeder Gast bekommt eine vorgegeben Grundausstattung. Dazu halten wir aber genau fest, wer was bereits bekommen hat.“ Aussuchen können sich die Flüchtlinge ihre Kleidung allerdings nicht. Was mich bei der Fülle an Kleidung die dort lagert zunächst wundert, hat aber einen pragmatischen Grund: „wenn alle hier rumwühlen könnten, würde schnell das Klamottenchaos ausbrechen, ähnlich wie auf den Wühltischen in Kaufhäusern.“ Klingt logisch.

Kleiderkammer – Schuhe

Die nach Größen und Geschlecht geordnete Kleidung, die dort in den Regalen auf ihren weiteren Einsatz wartet, hält modischen Ansprüchen wohl eher selten stand. Aber es hält warm, erfüllt seinen Zweck. Soweit so gut. Tatsächlich schockt mich am meisten der Blick in das wirklich gut bestückte Schuhregal. Schuhe in allen Größen und Farben. Sportschuhe, Wanderschuhe, Ballerinas, Herrenschuhe, Flip-Flops und Kinderschuhe. Aber oftmals sind es Schuhe, die optisch und wahrscheinlich auch hygienisch eher weniger einwandfrei sind. Schuhe die schon völlig abgelaufen sind und ich sehe Kinderturnschuhe bei denen der oder die „edle SpenderIn“ es nicht einmal für nötig befunden hatte, die (bestenfalls) Gras und Schlammreste zu entfernen. So behaftet stehen sie also im Regal und warten darauf wieder getragen zu werden. Von jemandem der alles verloren hat, nichts mehr hat als das was er am Leibe trägt. Es macht mich unendlich traurig.

Speisesaal

Unser Weg führt uns weiter in den Speisesaal. „Es ist Ramadan zurzeit und daher wird im Moment auch Nachts noch Essen ausgegeben“ erzählt mir Hergarten, während wir durch den Saal gehen. Es gibt Frühstück, Mittag und Abendessen hier. Die Mittagszeit beginnt erst in etwa einer Stunde. Die meisten Bänke sind noch hochgestellt. Einige wenige Menschen sind in dem großen, erstaunlich freundlich wirkenden Speiseraum. Eine Mitarbeiterin des DRK stellt grade kleine Schalen mit Salat nach vorne. Von allen Gästen (auch ich habe in meinem Kopf mittlerweile diesen Begriff verinnerlicht und ich muss sagen, er gefällt mir immer mehr) an denen wir vorbeikommen, werde ich freundlich angelächelt. Einige sagen „Hallo“ oder „Guten Tag“. Ein paar erheben sich sogar ein Stück weit von ihren Plätzen und deuten so mit dem ganzen Körper eine höfliche Begrüßung an. Viele haben ihre Handys in der Hand. „Der einzige Kontakt nach Hause“ sagt Hergarten und ich versuche mit vorzustellen, wie es ist, wenn man flüchtet und das einzige was einem bleibt ein Handy ist.

Spielidylle

Wir verlassen den Speisesaal und überqueren nochmal den Schotterweg. Es nieselt immer noch ein wenig und da hockt ein kleiner Junge im „Sandkasten“. Völlig verloren in seinem Spiel. Der Sandkasten sei vom Hausmeister gebaut worden. Gestellt werde auch vieles an Material vom DRK selber, erzählt der Leiter. Der kleine Junge schiebt die bunten Plastikfahrzeuge durch den feuchten Sand. Ich frage mich wie es wohl für ihn weitergehen wird. „Für manche Gäste“, so Hergarten „endet der Weg schon hier. Dann kommt der Ablehnungsbescheid und es geht zurück.“ Sichere Herkunftsländer und so, denke ich und schaue immer noch dem Jungen beim Spielen zu.

„Viele Gäste die kommen sind schwer traumatisiert“ erklärt Ralf Hergarten mir. „Wir haben hier psychologische Betreuung und die Möglichkeit der medizinischen Versorgung. Dolmetscher unterstützen bei Sprachbarrieren und ausserdem sprechen auch einige der Betreuer mehrere Sprachen. Zudem gibt es einen Shuttle Bus der die Gäste nach Schleiden bringt, wenn sie einfach mal rauskommen wollen hier.“ Er habe in der Zeit in der er jetzt in der Flüchtlingshilfe tätig ist, schon viele Iraner oder Iraker erlebt, die sobald sie hörten, dass die ISIS raus ist aus dem jeweiligen Heimatdorf,  sofort zurückwollten um daheim beim Wiederaufbau zu helfen.

„Die meisten Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, wollen. Sie wollen Deutsch lernen, wollen hier arbeiten, und wollen sich auch gerne integrieren.“ Natürlich gäbe es darunter immer mal wieder auch welche die Schwierigkeiten machen, fügt er hinzu und verweist auf das, seiner Meinung nach dringend erforderliche, Einwanderungsgesetz welches Deutschland brauche. „Das würde einiges erleichtern“, so meint er.

Kinderzimmer

Und dann betreten wir noch eine Baracke: das Kinderzimmer. Und nun weiss ich endlich warum bereits zu Beginn dieses Vormittags etwas in Hergartens Stimme so mitschwang, als er davon sprach. Ich betrete einen großen Raum, der mich sofort an einen Kindergarten erinnert. Hell, freundlich und mit Spielsachen und kindgerechten Möbeln ausgestattet. Die Stühle sind aussortiert aus Kindergärten. Die Spielsachen alles Spenden.

Es wirkt so friedlich. Für einen Moment vergesse ich fast warum die Kinder, die in diesem Raum gebastelt haben, überhaupt hier sind.

Bild „Mainacht“

Ich betrachte das große Bild an der Wand. „Mainacht“ steht darüber. Hergarten erklärt mir, dass auch mit solchen Mitteln versucht wird die deutsche Kultur zu vermitteln. Überhaupt, die unterschiedlichen Kulturen. Hier in diesem Spielzimmer sind sie jedenfalls nicht als Problem spürbar. Aus dem Nebenraum klingen fröhliche Stimmen. „Deutschunterricht“ sagt Hergarten. Ausgebildete Lehrer unterrichten die Gäste in Deutsch. „Ich stelle…“ höre ich eine dunkle Männerstimme sagen und eine deutlich hellere echot mit Akzent „ich stelle….“. wieder Gemurmel und dann Gelächter. „Der Raum ist proppenvoll“ sagt Hergarten „die wollen die Sprache lernen und kommen gerne in den Unterricht“.

Bevor wir diesen letzten Raum verlassen fällt mein Blick auf eine Bastelei. Zwei kleine Blumentöpfe übereinander geklebt. Mit bunten Farben bemalt. Sowas habe ich mit meinen Kindern auch früher gebastelt als sie noch klein waren.

Tontöpfe

Die Namen der sicher stolzen Jungen und Mädchen die die kleinen Kunstwerke anfertigten stehen daneben. Arshia, Haiel, Nermin, Eman, Zahra oder Loura. Sie klingen fremd und gleichzeitig schön in meinen Ohren. Die Tontöpfe sind so zerbrechlich. Hoffentlich erleiden sie keinen Schaden, wenn die Reise der kleinen Hände die sie bemalten weitergehen muss. In eine andere Kommune, eine andere Asylbewerberunterkunft, eine Wohnung oder vielleicht sogar zurück ins Heimatland.

Mein Besuch in Vogelsang geht zu Ende. Ich verabschiede mich von dem Leiter Ralf Hergarten und der freundlichen Dame von der Bezirksregierung, mit der ich mich zwischenzeitlich auch austauschen konnte. Hergarten geht wieder in eine der Baracken und ich stehe am Auto und schaue nochmal um mich. Der kleine Junge klopft sich grade Sand von der Hose. Dann schaut er hoch und winkt mir zu. Einfach so. Ich winke zurück und muss an die Tontöpfe denken. Ob er auch einen davon bemalt hat? Hoffentlich gehen sie nicht kaputt…..

 

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